Die Geschichte Edingens

Ur- und Vorgeschichte Edingens

Der Ortsname

Wir kennen verschiedene Schreibweisen unseres Ortsnamens: nach den ersten bekannten Aufzeichnungen finden wir »Odinge«, »Odingen«, »Ödingen«, »Oedingen«, »Idingen« und dann das heutige» Edingen«.

Wie und wann der Name entstanden ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch ist erwiesen, daß alle Ortsnamen auf »-heim« und »-ingen«, in anderen deutschen Landschaften mit fruchtbarem, waldfreiem Boden als sehr alte Siedlungen bekannt sind. In unserem Heimatbereich sind diese durchaus an bevorzugte Stellen im Siedlungsraum gebunden. Naunheim, Mühlheim (das heutige Hermannstein), Dillheim, Bechlingen und auch Edingen. Man hat immer angenommen und auch den Kindern in der Schule beigebracht, der Name käme von »öd«, einem freien oder öden Platz. Dies trifft aber nur zum Teil zu, denn die Bezeichnung »öd« bedeutet nicht unbedingt »leer, einsam, verlassen«, sondern auch »von etwas weg, fort, weitab«.

Aus dem althochdeutschen »ödi« ist das mittelhochdeutsche »einöti« abgeleitet, das sich im »Einödhof« wiederfindet. Nach der historisch-wissenschaftlichen Übersetzung ist dies »ein inmitten seiner Felder liegender Bauernhof«. Solche »Einödhöfe« gibt es unzählige in Bayern. Mit Sicherheit war bei uns zuerst ein einzelner Hof, den man wohl als »Öde« oder wie oben im althochdeutschen »Ödi« genannt hat. Hieraus lässt sich leicht das »Ödingen« erklären.

Um diesen Einzelhof bildetet sich im Laufe der Zeit das Dorf. Ziehen wir jedoch bei der Namensdeutung die Bezeichnung in unserer Mundart hinzu, dann kommen wir mit »Ihringe« zu einem anderen Ergebnis. Das benachbarte Ehringshausen hat seinen Namen von einem »Ihrinc«, der im Jahre 801 dem Kloster Lorsch einen Bifang (Hof) schenkt. Könnte es nicht sein, daß ein Verwandter gleichen Namens sich hier ansiedelte und somit der Hof oder die kleine Siedlung der Hof des »Ihrincer« wurde, aus dem dann später das heute noch im Dialekt bezeichnete »Ihringe«? In einer Arbeit von Schulrat Feuring in Waldbröl »Das Christenkreuz in Wodans Walde« ist zu lesen: »... diese Missionare ... wirkten auch an der oberen Loganahe (Lahn) und in den Seitentälern des fruchtbaren Landes, wo die Dillena (Dill), Wetzfe (Wetzbach), Solmissara (Solmsbach) und Olmena (Ulm) ihre Wasser schlingen und die Herden tränken. Dort im Tale der Dillena, nicht weit von dem Bifange des »Ihering«, wo friedliche Chatten am Fuße eines kleinen Berges ihre Heimstatt aufgeschlagen hatten, usw....«

Edingen am Neckar hat seinen Namen, so wurde uns mitgeteilt, von dem ersten Siedler namens »Edo«. Es gibt noch ein Edingen bei Trier, von dort haben wir jedoch keine Namensdeutung erhalten. A. Schoenwerk schreibt in seinem Werk: »Geschichte von Stadt und Kreis Wetzlar«: »Ortsnamen auf -ingen:
Bechlingen (1298 Bechelingen)
Edingen (1255 Odingen)

Beide enthalten wahrscheinlich Personennamen.«
Ob unser »Edingen« nun vom »Ödi«-Hof oder von dem Namen »Ihrinc« herrührt, kann nicht gesagt werden. Jede dieser Deutungen könnte richtig sein. Möglich ist, daß es eines Tages eine ganz andere Erklärung gibt.

  1. Ur- und Vorgeschichte

Da auch unser Gebiet zu den Räumen zählt, die nicht von Eis bedeckt waren, (das Eis reichte vom Norden bis zum Mittelgebirge und vom Süden bis etwa zur Donau) sondern auch in den vereisungsstärksten Zeiten eine Art Tundra, zudem einen "Korridor" zwischen den großen Siedlungsräumen im Osten und dem Westen bildete, übte es bereits in frühester Zeit seine Anziehungskraft auf den damaligen Menschen aus.

Sicherlich waren es Jägergruppen, die bereits zu Beginn der letzten Eiszeit (Würm-Eiszeit
-benannt nach dem süddeutschen Fluß Würm) vor ca. 60 000 Jahren unser Land durchzogen. Diese Jäger siedelten sich nicht fest an, Ackerbau und Viehzucht waren ihnen unbekannt. Sie wohnten in natürlichen Felshöhlen und lebten hauptsächlich von Jagd und Fischfang, auch werden sie Früchte gesammelt haben. Aus dem Gebiet um Edingen sind uns keine Wohnhöhlen bekannt. Die nächsten steinzeitlichen Unterkünfte waren bei Langenaubach im "Wildweiberhäuschen", bei Erdbach in den "Steinkammern", Dalheim bei Wetzlar, Steeden bei Runkel und Treis an der Lumda. In allen diesen Höhlen sind Funde aus der damaligen Zeit gemacht worden. Aus dieser Epoche, Geschichtsforscher nennen sie "Jungpaläolithikum", stammt das bis jetzt in unserer Gemeinde bekannte älteste Belegstück, ein im "Hegewald" des Ortsteiles Edingen am Rand eines ausgefahrenen Waldweges geborgener "Faustkeil". Dieser ist aus Kieselschiefer gefertigt, 15 cm lang, 7 cm breit und 1,8 cm dick. Für unsere heutigen Verhältnisse recht primitiv, für den steinzeitlichen Jäger war dieser jedoch ein wichtiges Universalwerkzeug, das verschiedenen Zwecken diente.

Die "Nassauischen Heimatblätter" Heft 1 von 1952 berichteten auf Seite 67 über Bodenfunde in Hessen: "Fleisbach/Dillkreis. Am Südhang des Welgersberges wurde ein Steinbeil gefunden, über dessen Aufbewahrungsort nichts in Erfahrung gebracht werden konnte." Leider ist über dieses Steinbeil nichts Näheres bekannt.

Die Urkunden, die uns die Geschichte unserer Heimat bezeugen, sind also recht spärlich. Angewiesen sind die Forscher auf Bodenfunde aus unvergänglichem Material wie Keramik (Gefäße und Scherben), gebranntem Lehm, Holzkohle, Eisen, bearbeitete Steine usw. Diese finden sich aber meist nur dort, wo sich Menschen für längere Zeit aufgehalten haben. Weder aus der übrigen Steinzeit (bis etwa 1800 v. Chr.), noch aus der Bronzezeit (etwa 1800-1200 v. Chr.) und der Hallstattzeit, benannt nach dem bekannten Fundort Hallstatt im Salzkammergut, die bei uns bis etwa 450 Jahre v. Chr. dauerte, sind Funde im beschriebenen Raum bekannt geworden. Dies lag wohl daran, daß unsere engere Heimat mit ihren kargen Böden keinen besonderen Anreiz zur Ansiedlung bot, während z. B. die Wetterau mit ihren ertragreichen Lößböden schon früh fest besiedelt war.

Erst in der darauf folgenden Latènezeit (450 bis etwa 50 v. Chr.), nach dem wichtigen Fundort "Latène" am Neuchàteler See benannt, erfolgte die Besiedelung unseres Gebietes durch die von Westen kommenden Kelten. Diese Träger der Latène-Kultur brachten Kenntnisse über die Eisenverhüttung und -bearbeitung mit in unsere Landschaft. Sie verstanden auch schon die Herstellung von Geschirr auf der Drehscheibe. Dieses findet sich allerdings bei uns selten. Die meisten Gefäße wurden noch mit der Hand geformt. Reiche Eisenerzlager an Dill und Schelde veranlaßten also diese keltischen Stämme, sich auch an den Hängen und auf den Höhen beiderseits der Dill anzusiedeln. Aus diesem Zeitraum sind eine Menge Funde, die uns etwas über die Anwesenheit von Menschen in unserer engeren Heimat aussagen können, bekannt. Ausgedehnte Ackerraingebiete und zahlreiche Wohnstellen, die zum Teil heute noch recht gut in den Waldungen unserer Gemeinde erkennbar sind, lassen auf eine lang andauernde Besiedlung schließen. Ackerraine entstehen ganz automatisch durch eine ständige Bearbeitung hangparallel verlaufender Äcker. Die bearbeitete Fläche wird allmählich eben, während sich talabwärts eine immer steiler werdende Böschung bildet. Wohnstellen, Ebene Plätze, auf denen die primitiven Wohnhütten standen, die etwa, wie in Edingen vermessen, 6,5 x 5,5 m groß waren. Die Wände waren aus lehmverstrichenem geflochtenem Reisig (Stakwerk). Eine offene Feuerstelle war in der Mitte des einzigen Wohnraumes. Oft brannten die Hütten, deren Dächer aus Schilf oder Stroh bestanden, restlos ab. Das einzige was dann von der Existenz einer Hütte bis heute Zeugnis ablegt, ist der "Hüttenlehm", der vom Feuer gebrannte Lehm von den Wänden.

Erfolgreiche Grabungen durch das Landesamt für kulturgeschichtliche Bodenaltertümer in

Wiesbaden nach dem zweiten Weltkrieg am Westhang des Mühlberges bei Edingen erbrachten eine Unmenge von Bodenurkunden aus der Latènezeit. Reste einer sich über 500 m am Hang hinziehenden Siedlung mit einer großen Zahl von Wohnstellen, Kellern, einer kleinen Eisenverhüttungsanlage (Rennofen), mit Gefäßen und viel Scherbenmaterial von Gebrauchs- und Vorratsgeschirr, Werkzeuge, Eisenteile, Schlacken, Hüttenlehm und vieles andere kamen ans Tageslicht. Bei dem Bau der Autobahn wurden weitere Wohngruben mit Funden aus der gleichen Zeit angeschnitten und leider durch die rasche Arbeit der großen Maschinen zerstört, so daß nur wenige Fundstücke sichergestellt werden konnten. Ebenso westlich von Edingen im Hechwald ist die Anlage eines latènezeitlichen Gehöftes festgestellt worden, bei dessen Wasserquelle eine größere Anzahl Gefäßscherben gefunden wurde. Es ist wohl nicht verwunderlich, daß alle Wohnstellen nahe bei guten Wasserquellen lagen, die zum Teil heute noch recht ergiebig fließen.

In der Folgezeit, etwa um Chr. Geb., begann eine Landnahme auch bei uns durch die aus dem Norden kommenden Germanen. Keltische Fliehburgen sind uns aus dem nördlichen Dillkreis (Rittershausen, Dillenburg) bekannt, in denen die bereits seit Jahrhunderten ansässigen keltischen Familien gegen die Germanen Schutz gesucht haben. Wenn auch hier und da Kämpfe stattgefunden haben mögen, auf Dauer waren die Kelten dem germanischen Druck nicht gewachsen. Es erfolgte eine Vermischung von Kelten und Germanen. Äußerst bedeutsam für den Nachweis der Anwesenheit von Germanen in unserem Bereich war die Ausgrabung eines Gehöftes aus der römischen Kaiserzeit, etwa 2.-3. Jh. n. Chr., in den "Obersten Kreuzwiesen" an der Stippbach bei Sinn. Über diese germanische Siedlung ist eingehend in dem Heimatbuch der Gemeinde Sinn berichtet.

Wenn auch aus der früheren Gemarkung Edingen mehr als von den Ortsteilen Sinn und Fleisbach über die Vor- und Frühgeschichte bekannt ist, so ist die Besiedlung im mittleren Dillgebiet doch wohl gleichzeitig erfolgt. Es sind sicherlich überall bei Erdarbeiten Kulturschichten angeschnitten worden, in denen sich alle möglichen Fundstücke aus grauer Vorzeit befanden, die jedoch nicht beachtet worden sind. Wie bereits erwähnt, geben nur Bodenfunde Aufschluß über die geschichtliche Vergangenheit einer Landschaft.

Der Edinger "Hof" und das Dorf

In der Abhandlung "Die Ur- und Vorgeschichte im Raum der Großgemeinde Sinn" konnten wir erfahren, daß die Besiedlung unserer Heimat durch die von Westen kommenden Kelten erfolgte. Germanische Stämme, von Norden her unser Land allmählich erobernd, siedelten sich etwa ab der Zeit um Christi Geburt hier an, bauten Gehöfte und trieben Ackerbau und Viehzucht. (Germanisches Gehöft aus der Römischen Kaiserzeit in der Stippbach.)

Unser Dorf bildete sich an den Unterläufen von Rommelbach und Maisbach, aber außerhalb des Hochwassergebietes der Dill. Zwischen den Bächen war ein größerer Hof, in dessen Nähe sich die übrige Bevölkerung ihre Behausungen baute. Die Gründung des Dorfes als geschlossene Siedlung kann schon in die frühgermanische Zeit datiert werden, denn es ist erwiesen, daß Ortsnamen auf "-ingen" (wie "Edingen", früher "Ödingen") sehr alt sind. Es ist also anzunehmen, daß unser Ortsteil schon im 4.-5. Jahrhundert nach Chr. bestanden hat. Funde aus fast allen Zeitepochen im Bereich Edingen bestätigen die Annahme einer lückenlosen Besiedlung seit etwa dem 4. vorchristlichen Jahrhundert. Schriftliche Urkunden aus den Jahren ab 1160 berichten schon, daß die Dynasten von Greifenstein an der Dill größere Besitztümer hatten. Hierzu könnte damals der "Edinger Hof" gehört haben, dessen eigentliche Gründungszeit sich in geschichtliches Dunkel hüllt. Die erste Erwähnung von "Ödingen" erfolgte in zwei Urkunden, die im April und Mai im Jahr 1255 ausgestellt wurden. Die erste durch die Brüder Werner und Craft von Lichtenstein, welche den Bürger und Schöffen Richolf zu Wetzlar mit Zinsgefällen von einer Mark zu Katzenfurt und Edingen belehen. In der zweiten Urkunde belehnen Rudolf der Ältere von Greifenstein und Werner von Lichtenstein denselben Richolf mit Gülten in den Dörfern Daubhausen, Allendorf (ausgegangenes Dorf bei Dillheim), Katzenfurt und Edingen.

Der Edinger Hof kam Anfang des 14. Jahrhunderts an die Grafen von Nassau-Dillenburg und blieb bis 1629 in deren Händen, kam dann durch Erbteilung an Solms-Greifenstein.

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